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Gilead baute sich auf einem einzigen Vers auf. Der Vers war beschreibend, kein Gebot.

Atwood und die Hulu-Adaption stellen sich ein Regime vor, das einen Genesis-Vers zum Gesetz macht. Lesen Sie 1. Mose 30,3 — und beachten Sie, dass das Original als Dysfunktion erzählt ist, nicht als Modell.

Genesis 30:3

Margaret Atwoods Der Report der Magd — der Roman von 1985 und die 2017 begonnene Hulu-Serie — spielt in einem nahen, zu Gilead umbenannten Amerika, nachdem ein christlich kodierter Putsch die Verfassung aufgelöst hat. Fruchtbare Frauen werden zu Mägden — sie werden Elite-Haushalten zugewiesen, von den Ehemännern zwangsgeschwängert und müssen das Kind der Ehefrau überlassen. Das Ritual heißt die Zeremonie. Der Gruß lautet gesegnet sei die Frucht. Die Dystopie ruht auf dem Anspruch des Regimes, einem einzigen Bibelvers zu folgen.

Dieser Vers steht in Genesis 30. Rahel, die keine Kinder bekommen hat, konkurriert mit ihrer Schwester Lea, die welche bekommen hat. Rahel wendet sich an ihren Mann Jakob mit einem verzweifelten Vorschlag:

1. Mose 30,3

"Sie aber sprach: Siehe, da ist meine Magd Bilha; geh zu ihr, dass sie auf meinem Schoß gebäre und ich doch durch sie zu Kindern komme."

Bilha ist Rahels Sklavin. Ihr wird in der Verhandlung keine Stimme gegeben. Jakob willigt ein. Die Vereinbarung wird später von Lea mit ihrer eigenen Magd Silpa gespiegelt. Die vier Frauen — Rahel, Lea, Bilha, Silpa — bringen miteinander die zwölf Söhne hervor, die zu den Stämmen Israels werden.

Ein Vers, den Atwood sorgfältig las

Atwood hat in Essays bemerkt, dass der Gründungsvers von Gileads Theologie vom Regime als präskriptiv und vom Originaltext als deskriptiv behandelt wird. Die Erzählung der Genesis ist nicht als göttliches Gebot gerahmt. Vor Rahels Worten steht kein so spricht der HERR. Der ganze Bogen — Rahels Bitterkeit, Leas Rivalität, Bilhas Schweigen, Jakobs Passivität — wird im alten Text als Porträt familiärer Dysfunktion gezeichnet.

Der biblische Erzähler sagt nie gehe hin und tue desgleichen. Die Geschichte der Genesis endet vielmehr mit dem Tod Rahels und Leas, mit dem Verkauf Josefs durch seine Halbbrüder und mit dem Bund, der trotz der Trümmer dieser Vereinbarungen weiterträgt, nicht ihretwegen.

Das Grauen der Serie ist zum Teil strukturell. Gilead hat einen Vers, den der Originaltext als Wunde zeigt, zum Gesetz des Landes gemacht.

Die Verse, die Gilead unterdrückt

Die andere Hälfte der Geschichte ist, was Gilead auslässt. Atwood und der Writers' Room zeigen sorgsam, dass Gileads Regime selektiv zitiert. Selig die Sanftmütigen wird gelesen; liebe deinen Nächsten wird begraben. Auffälliger noch: Die Serie zeigt, dass Gilead die Schriftkundigkeit selbst unterdrückt. Frauen ist das Lesen verboten. Warum — Atwood deutet es an — ist offensichtlich. Eine lesefähige Frau kann über Genesis 30 hinaus lesen, hinein in jene Verse, die den Vers verkomplizieren.

Einer davon ist Galater 3,28: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Die Serie lässt diesen Vers von keiner Figur laut sprechen. Sie muss es nicht. Das Schweigen der Mägde ist die Abwesenheit des Verses.

Was die Kameras festhalten

Die visuelle Sprache der Serie ist mit dem Vers verheiratet, den sie zugleich ehrt und verurteilt. Die roten Kleider und weißen Flügel der Mägde zitieren mittelalterliche Ikonographie von Nonnen und Heiligen; das Regime kleidet seine Mägde in die Bildcodes der Heiligkeit, während es ihre Leiber verletzt. Die Zeremonie wird als theologisches Tableau gefilmt — die Ehefrau am Kopfende, die Magd darunter — das Genesis 30 in der Mise-en-scène zitiert. Die Kameraführung bezieht den eigenen Bildgebrauch des Regimes mit ein.

Wenn June, die Protagonistin, schließlich sagt sie hätten uns keine Uniformen geben sollen, wenn sie nicht wollten, dass wir eine Armee werden, tut sie, was des Lesens kundige Frauen immer getan haben: über den Vers hinauszulesen, den die Männer an der Macht ausgewählt haben.

Was die Bibel mit der Geschichte tat

Zweitausend Jahre jüdischer und christlicher Auslegung von Genesis 30 sind überwältigend unbehaglich gegenüber dem, was darin geschieht. Die rabbinische Tradition liest das Kapitel als Tragödie. Christliche Leser haben das Parallel zu Sara/Hagar bemerkt und beide Episoden als was nicht zu tun ist benannt. Der biblische Kanon selbst — in Hosea, Jesaja, den Evangelien — beharrt wiederholt, dass Gott jene Stimmen hört, die Genealogien und Gesetze ausgelöscht haben. Hagar nennt in Genesis 16 Gott. Bilhas Stimme erscheint in der Genesis nie. Die Serie bemerkt die Lücke und filmt sie.

Die vierzig Sekunden

Lesen Sie 1. Mose 30,3 einmal. Sie aber sprach: Siehe, da ist meine Magd Bilha; geh zu ihr, dass sie auf meinem Schoß gebäre und ich doch durch sie zu Kindern komme. Vierzig Sekunden. Halten Sie in dieser Zeit beide Lesarten zugleich. Gilead liest sie als Befehl. Der Text liest sie als Wunde. Die Serie existiert in der Lücke zwischen den beiden Lesarten und fordert das Publikum heraus zu wissen, welche die Schrift selbst bevorzugt.

Die Zeremonie ist das Spektakel. Der Vers ist der Missbrauch. Das Publikum, das selbst lesen kann, ist die Antwort, die das Regime fürchtet.
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