David Finchers Sieben (1995) beginnt mit einem Serienmörder, der seine Morde nach den sieben Todsünden ordnet. Der erste Detektiv, Somerset (Morgan Freeman), ist methodisch, belesen, wenige Tage vor der Pensionierung. Der zweite, Mills (Brad Pitt), ist zornig, neu in der Stadt, mit einer Frau verheiratet, die er mehr liebt, als er sie versteht. Sie verfolgen einen Mann, der sich John Doe nennt.
Doe hinterlässt Spuren. Jeder Tatort soll lehren. Die siebte Sünde, die er begeht — gegen Mills — ist Zorn.
Der Vers an der Wand
Der fünfte Mord ist Stolz. Das Opfer ist ein Model, dessen Gesicht entstellt wurde. Sie hatte die Wahl — um Hilfe rufen (und entstellt weiterleben) oder schnell sterben. Neben dem Leichnam hat der Mörder eine einzige Zeile hinterlassen:
"Hochmut kommt vor dem Fall, und Stolz vor dem Sturz."
Der Vers ist berühmt, weil er kürzer ist als seine Nachkommen. Die englischsprachige Welt hat ihn auf pride goes before a fall verdichtet, wobei zwei der drei Substantive des Verses fehlen. Das hebräische Original entfaltet die Architektur sorgfältiger: Hochmut, Fall, Stolz, Sturz. Zwei Paare. Zwei Zusammenbrüche. Der erste ist innerlich — der Fall kommt zuerst, bevor irgendein äußerer Sturz sichtbar wird.
Das ist die Theologie des Films. Die Todsünden schlagen nicht von außen zu. Sie haben schon etwas im Inneren des Menschen zerstört, bevor die Welt nachkommt.
Was der Mörder nicht zitieren kann
Die Wendung des Films: Doe ist nicht die einzige Figur, die von einem Vers regiert wird. Auch die Detektive. Am Ende wird Mills dazu gebracht, die siebte Sünde zu begehen — den Zorn. Doe hat ihn manipuliert, indem er seine Frau ermordete und es ihm auf einer Wüstenstraße in der letzten Konfrontation enthüllte.
Doe weist sich selbst die Sünde des Neids zu — ich habe versucht, Ihr Leben zu spielen, und konnte es nicht. Aber die Sünde, die Mills begeht, ist der Zorn, und der Vers, der dazu passt, ist älter als die Sprüche:
"Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde."
Mills wird zu Kain. Der Film nennt den Vers nicht. Er muss es nicht. Die Struktur steht seit dem zweiten Kapitel der Bibel da — dass die Stimme des Bruderbluts, die aus der Erde schreit, lauter ist als jede Sünde, die an eine Wand geschrieben ist.
Die vierzig Sekunden
Schreiben Sie den Vers von Hand ab — nur den halben Satz: Hochmut kommt vor dem Fall. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit spüren Sie, was der Film weiß. Dass das, was einen Menschen zerstört, selten das ist, wovon er glaubt, es würde es tun. Dass die Todsünde, die in der Liste am häufigsten fehlt, die Sünde ist, anderen die ihren beibringen zu wollen.
Der Mörder ist tot. Der Detektiv ist in Handschellen. Die Verse an den Wänden haben beide überlebt.