Artikel · In der Kunst

Der Turm neigt sich schon. Der Einsturz wurde vom ersten Pinselstrich an in den Entwurf gemalt.

Ein gewaltiger Turm steigt über einer Hafenstadt auf. Er neigt sich bereits. Lesen Sie 1. Mose 11,4-7 neben Bruegels Bild einer schon begonnenen Zerstreuung.

Genesis 11:4-7

Im Kunsthistorischen Museum in Wien hängt Pieter Bruegels des Älteren Turmbau zu Babel von 1563. Ein gewaltiger zylindrischer Turm ragt über einer Hafenstadt auf. Kräne heben Stein. Hunderte winziger Arbeiter wimmeln auf den Gerüsten. Schiffe laden Vorräte im Hafen. Im Vordergrund besucht König Nimrod mit seinem Gefolge die Baustelle — kleine Gestalten am Fuß von etwas Gewaltigem.

Der Turm, der schon fiel

Sehen Sie sich den Turm selbst genau an. Er steht nicht gerade. Die unteren Geschosse neigen sich leicht nach rechts. Die oberen, noch im Bau, neigen sich stärker. Einige Rampen sind sichtlich nicht mehr waagerecht. Bögen auf der Rückseite beginnen schon zu bröckeln. Bruegel hat den Einsturz vom ersten Pinselstrich an in den Entwurf gemalt.

Das Verb „lasst uns"

Die Genesis erzählt die Geschichte in wenigen knappen Versen. Die Menschen versammeln sich in der Ebene Schinar. Sie machen Ziegel. Sie sprechen zueinander:

1. Mose 11,4-7

"Und sie sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe."

Lasst uns uns einen Namen machen. Die Menschen verwenden dieselbe Konstruktion — lasst uns — die Gott in 1. Mose 1 verwendet („lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei"). Das Verb gemeinsamen Beschlusses. Die Menschen haben die göttliche Grammatik übernommen für einen Zweck: damit wir nicht zerstreut werden. Die Angst vor der Zerstreuung ist der Motor. Ein Name ist die Sicherung.

Dann gibt Gott die Grammatik an sie zurück: lasst uns herniederfahren und ihre Sprache verwirren. Dasselbe Verb, dasselbe Pronomen, nun aber auf den Turm gerichtet. Der Bau wird weitergehen. Er wird nur für keine zwei nebeneinander stehenden Arbeiter mehr Sinn ergeben.

Der Turm, der nicht fällt

Bruegel malt nicht den Augenblick der Verwirrung. Er malt den Augenblick davor — wenn der Turm noch zu steigen scheint. Die Arbeiter schleppen noch Steine. Die Schiffe laufen noch ein. Nimrod inspiziert noch. Das Projekt hat ungeheuren Schwung. Und doch neigt sich der ganze Bau.

Das ist die Theologie des Bildes. Der Einsturz Babels ist keine äußere Strafe, die einen fertigen Turm zerschlägt. Es ist eine Neigung, die stets im Werk selbst lag. In dem Augenblick, in dem die Zerstreuung beginnt, ändert sich in der ersten Sekunde sichtbar nichts. Der Kran hebt weiter. Der Streit auf dem Gerüst ist nur um ein Wort versetzt — aber dieses Wort ist alles.

Die vierzig Sekunden

Schreiben Sie den Vers von Hand ab — nur den Ausdruck: dass wir uns einen Namen machen, damit wir nicht zerstreut werden. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit spüren Sie, was das Bild weiß. Dass Bauen, um nicht zerstreut zu werden, selbst eine Zerstreuung ist. Dass die Neigung immer da war. Dass die Arbeiter noch hinaufklettern, ohne zu wissen, dass sie eine Sekunde später das Wort nicht mehr verstehen werden, das der Mann über ihnen gerade gesagt hat.

Der Turm neigt sich. Die Steine steigen noch. Die Zerstreuung hat schon begonnen.
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