Artikel · In der Kunst

Zwei Fingerspitzen, die sich nicht berühren. Der Zwischenraum ist die Ewigkeit.

Zwei Finger, die sich fast — aber eben nicht ganz — berühren. In diesem Zentimeter Zwischenraum lebt 1. Mose 2,7.

Michelangelo · Die Erschaffung Adams (Sixtinische Kapelle, 1511)

1511, in der Mitte der Decke der Sistine Chapel, stehen sich zwei Finger gegenüber. Sie berühren sich nicht. Die Hand des Vaters und die Hand des Sohnes. Schöpfer und Geschöpf. Wenige Zentimeter Leere. Fünfhundert Jahre später ist das meistreproduzierte Bild der Welt immer noch der Augenblick vor der Berührung.

Der Vers, den das Gemälde übersetzt

1. Mose 2,7

„Da bildete Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so wurde der Mensch eine lebendige Seele."

Das hebräische Schlüsselverb ist naphach (נָפַח) — atmen, einhauchen. Michelangelo stand vor der Frage: Wie malt man das Einhauchen? Und seine Antwort lautete — gar nicht.

Der Leerraum als Übersetzung

Adams Finger hängt schlaff herab — er hat noch keine Kraft. Gottes Finger greift vor, schließt den Abstand aber nie. Ein bis zwei Zentimeter Leerraum. Das Leben ist mitten im Übergang. Michelangelo wählte nicht den Augenblick der Berührung, sondern den Augenblick unmittelbar davor.

Das ist nicht nur eine kompositorische Entscheidung. Es ist 1. Mose 2,7 ins Verb übersetzt. Kein fertiger Zustand, sondern ein Atem in Bewegung. Kein vollendeter Mensch, sondern einer, der gerade zu einer lebendigen Seele wird. Der hebräische Urtext birgt diese Verlaufsform — und Michelangelo übertrug sie nicht mit Pinselstrichen, sondern mit Leerraum.

An uns, 500 Jahre später

Was uns in diesem Fresko am längsten festhält, ist der Zwischenraum zwischen zwei Fingern. Warum? Weil dieser Leerraum wir selbst sind — Geschöpfe, noch unvollendet, in die noch immer hineingehaucht wird. Die Genesis ist in der Vergangenheit geschrieben, doch Michelangelo malte sie in einer ewigen Gegenwart.

Der beste Weg, einen Vers tief zu verstehen, ist, ihn selbst zu schreiben. Das tat Michelangelo vor 500 Jahren — und das können auch wir heute noch tun.
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