Artikel · In der Kunst

Die Schöpfung beginnt nicht mit einer Hand. Sie beginnt mit einem Mund mitten in einer Silbe.

An der Decke der Sixtina beginnt die Schöpfung mit einem Befehl, nicht mit einem Werkzeug. Das Fresko zeigt Gott mitten im Gestus. Lesen Sie es neben dem Satz, der die Welt machte.

Genesis 1:3-4

Die Decke der Sixtina erzählt die Geschichte der Genesis in neun Tafeln. Die erste — die dem Altar am nächsten liegt — zeigt das älteste Ereignis: die Scheidung von Licht und Finsternis. Michelangelo malte diese Tafel zuletzt. 1511 war er sechsunddreißig Jahre alt und fast am Ende des Auftrags, der ihm beinahe den Rücken brechen sollte. Der Pinsel bewegte sich schnell. Man sieht die Eile noch.

Der erste Satz

Gott nimmt den größten Teil der Tafel ein. Sein Gewand windet sich wie eine Mandorla aus Wind. Seine Arme heben sich nach oben und auseinander, die Handflächen offen, als griffe er nach beiden Enden eines Horizonts, der noch nicht existiert. Sein Gesicht ist halb abgewandt — man fängt es nur von der Seite. Keine Figur wird gemacht. Kein Adam, kein Ton, keine Hand, die eine Hand berührt. Nur die Geste, die allem vorausgeht.

Was vor dem Bild kommt

Der Text, den die Tafel illustriert, zeigt in Wahrheit kein Bild. Er zeigt einen Satz.

1. Mose 1,3-4

"Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis."

Das hebräische Verb ist yehi — „es werde". Drei Buchstaben. Die kleinste Einheit des Befehls, die diese Sprache bilden kann. Das Lateinische der Vulgata verknappte es noch weiter: fiat. Eine Silbe. Ein Satz so kurz, dass der Leser fast übersieht, dass er der Ursprung von allem Folgenden ist.

Das ist das Ungewöhnliche an Genesis 1. Die Schöpfung beginnt mit einer Rede, nicht mit einem Werkzeug. Andere Schöpfungsmythen des Alten Orients haben Gottheiten mit Hämmern, Messern, Netzen. Der hebräische beginnt mit einer Stimme. Wenn die Stimme verstummt, ist eine Welt da. Michelangelos Fresko malt diesen Augenblick nicht als Szene, sondern als Haltung — jemanden mitten im Sprechen, die Silbe noch im Mund.

Eine Geschichte, die zuerst ums Hören bittet

Der Leser von Genesis 1 steht in einer merkwürdigen Lage. Das Erste, dem er begegnet, ist nicht eine sichtbare Welt, sondern ein Satz, der die Welt aufweckt. Einen Augenblick lang ist er im reinen Hören. Er soll hören, bevor er sieht.

Das Fresko tut dasselbe in Farbe. Es gibt noch keinen Gegenstand — kein Licht, keine Finsternis, die geschieden werden könnte. Es gibt nur die Geste einer Figur, deren Mund man kaum sieht, und zwei Arme, die einen Raum auseinanderziehen, der noch keinen Inhalt hat. Bildende Kunst besteht aus Gegenständen. Hier malt Michelangelo die Abwesenheit, die dem ersten Gegenstand vorausgeht. Er malt den Imperativ.

Darum wirkt das Bild weniger vollendet als die anderen — nicht wegen der Eile, sondern weil es noch nichts zu vollenden gibt. Die Schöpfung ist in diesem Augenblick ein Mund mitten in einer Silbe.

Die vierzig Sekunden

Schreiben Sie den Vers von Hand ab — nur den Anfang: Und Gott sprach: Es werde Licht! Etwa vierzig Sekunden. In dieser kurzen Zeit spüren Sie, was das Fresko weiß. Dass die Welt nicht mit einem Ding beginnt. Sie beginnt mit einem Satz und jemandem, der ihn aussprechen wollte.

Vor dem Licht das Wort. Vor dem Wort der noch offene Mund.
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