Victor Hugos Die Elenden (1862) umfasst fast eintausendfünfhundert Seiten. Die meisten dieser Seiten sind für die Handlung nicht streng notwendig. Hugo schrieb sie, weil er glaubte, der Roman habe eine Aufgabe, die über die Geschichte hinausging. Die Aufgabe, schrieb er im Vorwort, sei das Leiden anzusprechen. Die Handlung lässt sich indes in einem einzigen Augenblick zusammenfassen: Ein Mann, der nach langer Haft wegen Brotdiebstahls entlassen wurde, erhält bei einem Bischof Obdach, stiehlt nachts dessen Silber, wird am nächsten Morgen gefasst und — durch das Wort des Bischofs selbst gegenüber der Polizei — freigelassen. Alles andere im Roman wächst aus dieser Geste.
Die Geste ist im Roman wortlos. Hugo lässt den Bischof nicht predigen. Er lässt ihn vor den Gendarmen vortäuschen, das Silber sei ein Geschenk gewesen. Er gibt Valjean an der Türschwelle sogar zwei weitere silberne Leuchter mit, mit einem seither viel zitierten Satz: Ich habe dir deine Seele abgekauft und gebe sie Gott zurück. Der Vers unter diesem Tausch steht in Lukas, in der Bergpredigt der Ebene.
"Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben."
Ein Vers, gebaut aus drei Verweigerungen
Der Vers ist in drei verneinenden Imperativen gebaut: richtet nicht, verdammt nicht, vergebt. Das Griechische für richten ist krinō — trennen, in eine Kategorie einordnen. Verdammen ist katadikazō — ein Urteil aussprechen. Vergeben ist apoluō — loslassen, freigeben. Die ersten beiden Verben sind Gerichtsverben. Das dritte ist ein Schlüsselverb. Der Vers wandert von der Richterbank zur Zellentür.
Hugos Bischof vollzieht alle drei Verweigerungen in einem einzigen Morgen. Er richtet Valjean nicht, der offenkundig ein Dieb ist. Er verdammt ihn nicht, selbst als die Polizei ihn übergibt. Er gibt ihn frei, mit mehr, als er gestohlen hatte. Der Vers sagt: so wird euch vergeben. Der Bischof wird, wenn er später im Roman stirbt, dieses Versprechen brauchen. Er hat seinen letzten Besitz auf einen Fremden gesetzt.
Die Länge des Romans
Die übrigen vierzehnhundert Seiten der Elenden sind die langsame Folge des Verses. Valjean nimmt einen neuen Namen an. Er wird Fabrikant, Bürgermeister, Wohltäter. Cosette wird gerettet. Fantine wird geehrt. Marius wird aus der Barrikade getragen. Jede Tat des langen Bogens ist in Hugos sorgfältiger Lesart das weitergegebene Silber des Bischofs.
Der Roman weiß, was er tut. Hugo schreibt, die Geste des Bischofs habe Valjean getauft — nicht im sakramentalen Sinn, sondern im Sinn der Freilassung des Verses. Die Grammatik des Verses ist nicht für einmaligen Gebrauch. Vergebt, so wird euch vergeben errichtet eine Kette. Jede Freilassung ermächtigt die nächste. Am Ende des Buches hat Valjean seine Version des bischöflichen Morgens mehr als einmal vollzogen — an einem Mann, der ihn verhaftet hätte, an einem jungen Mann, den er kaum kennt, an sich selbst.
Javert als Verweigerung des Verses
Die längste durchgehaltene Figurenstudie des Romans ist nicht Valjean, sondern Inspektor Javert. Javert hat sein Leben innerhalb der Gerichtsverben verbracht. Er glaubt, ein Mann, der Brot gestohlen hat, ist ein Dieb; ein Mann, der die Bewährung bricht, ist ein Flüchtling; ein Mann, dem vergeben wurde, kann nicht existieren, weil das Gesetz dieses Verb nicht kennt. Der Roman widerlegt Javert nicht durch Argument. Er stellt ihn, spät in der Geschichte, in die Seine, unfähig in einer Welt zu leben, in der Valjean — der jeden Grund hatte, Javert das Leben zu nehmen — ihn stattdessen freigelassen hat. Javert kann den Vers nicht rückwärts laufen lassen. Das Wasser nimmt ihn.
Hugo genießt das nicht. Der Roman betrauert Javert. Aber die Struktur ist genau: Der Vers aus Lukas ist die Luft, die der Roman atmet. Wer ihn nicht atmen will, kann nicht lange bleiben.
Das letzte Silber
Die Schlussszene kehrt zum Silber zurück. Valjean hat im Sterben die beiden Leuchter des Bischofs neben dem Bett. Sie sind ihm vierzig Jahre lang gefolgt. Cosette und Marius stehen zu beiden Seiten. Die Leuchter sind keine Reliquien; sie sind der Vers, dinghaft geworden. Hugo hat fünfzehnhundert Seiten lang den Leser darauf vorbereitet, sie so zu sehen. Vergebt, so wird euch vergeben: Die Kerzen brennen an beiden Enden eines einzigen vergebenen Lebens.
Die vierzig Sekunden
Lesen Sie Lukas 6,37 einmal. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit liegt der ganze Motor des Romans in Ihrem Ohr. Das Silber des Bischofs liegt auf dem Tisch. Die Leuchter liegen vierzig Jahre später auf dem Tisch. Der Vers ist das, was sie hinübertrug.
Die Barrikaden sind das Spektakel. Der Vers ist die Tür. Vergebt, so wird euch vergeben ist der Satz, der es Hugo erlaubte, alles andere zu schreiben.