Artikel · In der Kunst

Der Engel tröstet nicht. Der Engel liefert den Kelch um dessen Wegnahme gebeten wurde.

El Greco verdichtet Gebet, Schlaf und Verhaftung in einen Rahmen. Lesen Sie Lukas 22,43 neben einem Bild, in dem der Engel genau den Kelch zurückgibt, der abgelehnt worden war.

Luke 22:43

El Greco malte die Ölbergszene in den 1590er Jahren mehrmals. Die Fassung in der National Gallery in London ist klein — keine sechzig Zentimeter hoch —, aber die Komposition ist durch ihre Verdichtung verwirrend. Christus kniet im Vordergrund, in ein tiefrotes Gewand gehüllt, die Arme zum Gebet erhoben. Darüber, oben links, reitet ein Engel auf einer Wolke. Der Engel hält einen Kelch entgegen. Unter Christus, eingebettet in einen Felsen, der aussieht wie ein Mutterleib oder eine Muschel, schlafen drei Jünger. Oben rechts, in einer kleinen Landschaftstasche, führt Judas die Soldaten mit Fackeln heran. Die Verhaftung kommt durch die Bäume.

Alles zugleich sichtbar

All das geschieht zugleich. In der körperlichen Wirklichkeit folgen diese Ereignisse aufeinander — zuerst das Gebet, dann der Schlaf der Jünger, dann die Ankunft der Soldaten. El Greco setzt sie in einen einzigen Rahmen, unnatürlich nah beieinander. Der Felsen, der die Jünger hält, die Wolke, die den Engel trägt, das Laub, das Judas verbirgt — der Maler hat Zeit auf Zeit gestapelt.

Der Kelch, der ankommt

Lukas 22,43

"Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn."

Allein Lukas unter den Evangelisten berichtet vom Engel. Und El Greco, unter den Malern von Gethsemane, hebt ihn am stärksten hervor. Der Engel hier ist keine tröstende Gegenwart. Der Engel liefert etwas. Der Kelch in der Hand des Engels ist der Kelch, den Christus eben gebeten hatte wegzunehmen.

Das ist El Grecos Revision. Der Kelch ist keine Metapher, die in der Luft bleibt. Er ist ein Gegenstand, getragen von einem Boten, in die Szene gestellt. Der Himmel antwortet auf das Gebet — willst du, so nimm diesen Kelch von mir — indem er den Kelch zurücksendet. Das Gebet wird erhört. Die Antwort ist der Kelch selbst.

Die Jünger im Felsen

Unter Christus liegen die drei Jünger — Petrus, Jakobus und Johannes — schlafend in einer gewölbten Mulde aus Stein. El Greco malt sie, als hätte der Felsen sich um sie geschlossen und ihr Versagen geborgen. Es ist eine der seltsamsten Entscheidungen des Bildes: Die Jünger schlafen nicht einfach im Freien; sie werden von der Landschaft selbst gehalten, als entschuldigte der Garten sie.

Darin liegt eine Großzügigkeit. Sie konnten nicht wach bleiben. Der Felsen deckt sie trotzdem zu. Christus betet allein, aber die Schlafenden werden nicht der Schande preisgegeben. Sie werden dorthin gelegt, wo der Maler sie schützen kann.

Die vierzig Sekunden

Schreiben Sie den Vers von Hand ab — ganz: Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit spüren Sie, was das Bild weiß. Dass manche Gebete nicht durch Wegnahme, sondern durch Zustellung beantwortet werden. Dass der Kelch, einmal erwähnt, wie gebeten gegeben wird — nicht fort, sondern in die Hand. Dass der Garten selbst sich vielleicht um die legt, die nicht wach bleiben können.

Der Engel hält den Kelch hin. Die Jünger schlafen im Felsen. Die Fackeln kommen durch die Bäume.
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