Rembrandt malte den Verrat an Samson früh in seiner Laufbahn, um 1628, als er zweiundzwanzig war. Es ist eine kleine, dicht gefüllte Leinwand, erhellt von einer einzigen Lampe und einem Strahl Tageslicht durch einen Vorhang. In der Mitte schläft Samson über den Knien Delilas. Eine Dienerin kniet hinter ihr, eine Schere in der Hand, und beugt sich über den Kopf des Schlafenden. Soldaten warten an der Tür, knapp außerhalb des Hauptlichts.
Die Schere und das Geheimnis
Delila blickt auf Samsons Gesicht. Ihr Ausdruck ist schwer zu benennen. Kein Triumph. Kein Hass. Etwas, das einer festen Aufmerksamkeit näherkommt, als halte sie ihr eigenes Gesicht gerade so lange zusammen, um die nächste Minute zu überstehen. Ihre Hand bettet seinen Kopf, während die Schere herunterkommt.
Die Geschichte, die das Bild nicht vereinfacht
Das Buch der Richter erzählt eine lange, wiederholte Verführung. Delila fragt Samson dreimal, worin seine Kraft liegt. Dreimal lügt er sie an. Dann zermürbt sie ihn mit „täglichen Worten", und er sagt ihr die Wahrheit: seine Kraft liegt in seinem Haar.
"Und sie ließ ihn schlafen auf ihrem Schoß und rief einen und ließ ihm die sieben Locken seines Hauptes abscheren. Und sie fing an, ihn zu bezwingen, und seine Kraft wich von ihm."
Sie fing an, ihn zu bezwingen. Das hebräische Verb ist waterha'enneh — sie begann zu quälen, zu unterdrücken. Dies ist der Vers, den Rembrandt malt. Nicht den Verrat selbst — der war im Fragen schon geschehen. Nicht die Blendung — das ist die Szene, die er später im Leben mit Entsetzen malen wird. Dies ist der Augenblick des Verlustes, bevor Samson weiß, dass er verloren hat.
Das Bild lässt ihn schlafen. Sein Gesicht ist ruhig, der Bart noch voll, der Arm lose über Delilas Oberschenkel gelegt. Alles an seinem Körper glaubt sich sicher. Das Schneiden hat sich noch nicht eingeprägt. Rembrandt zeigt, wie Kraft aus einem Menschen abfließt, der zu diesem Umstand noch nicht erwacht ist.
Zwei Arten der Mitschuld
Betrachten Sie die Dienerin mit der Schere. Sie ist diejenige, die schneidet. Delila hält den Kopf. Die Soldaten warten. Keine einzelne Person im Bild vollzieht den ganzen Verrat. Die Verantwortung ist über die Szene verteilt.
Das ist Rembrandts leises Argument, später ausgeweitet in seinen reifen Werken zu Judas und zu Petrus' Verleugnung: Der Augenblick des Unrechts verteilt sich oft auf mehrere Hände, von denen jede ihn hätte aufhalten können. Die Schere, die bergenden Arme, die wartenden Waffen. Niemand im Bild ist unbeteiligt. Und niemand im Bild tut das Ganze.
Die vierzig Sekunden
Schreiben Sie den Vers von Hand ab — nur den halben Satz: sie fing an, ihn zu bezwingen, und seine Kraft wich von ihm. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit spüren Sie, was das Bild weiß. Dass manche Verluste geschehen, bevor wir zu ihnen erwacht sind. Dass die Hand, die uns sanft hält, und die Hand, die schneidet, manchmal im selben Raum sind — und manchmal in demselben Gesicht.
Die Schere ist noch nicht fertig. Die Augen sind noch geschlossen. Der Raum weiß, was der Schläfer nicht weiß.