Artikel · In der Kunst

Das Gesicht über den Tafeln ist ruhig. Rembrandt weigert sich uns zu sagen, ob sie gleich zerbrechen.

Wird Moses die Tafeln zerschlagen oder hält er den zweiten Satz? Rembrandts Bild von 1659 weigert sich zu wählen. Lesen Sie 2. Mose 32,19 neben einer gemalten Mehrdeutigkeit.

Exodus 32:19

Rembrandts Moses mit den Gesetzestafeln, 1659 gemalt und heute in der Gemäldegalerie in Berlin, zeigt einen alten Mann, der zwei steinerne Tafeln über seinen Kopf hält. Seine Arme sind nach oben gestreckt. Die Tafeln neigen sich zu uns. Auf ihrer Fläche, in kleinen ordentlichen Zeilen, hebräische Buchstaben. Man kann sie lesen: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Du sollst dir kein Bildnis machen.

Das Gesicht über den Tafeln

Moses' Gesicht ist über den Steinen. Auffällig ist, dass dieses Gesicht nicht zornig ist. Es ist ruhig, müde, fast ergeben. Die Augen sind dunkel und leicht gesenkt.

Zwei Lesarten

2. Mose 32 erzählt von Moses' erstem Herabsteigen mit den Tafeln. Er kam hinunter, fand das Volk vor einem goldenen Kalb tanzend und warf in seinem Zorn die Tafeln zu Boden und zerbrach sie. Die meisten Maler dieser Szene zeigten den Zorn — verzerrtes Gesicht, Arme kurz vor dem Schlag.

2. Mose 34 erzählt von der zweiten Herabkunft. Nachdem Gott dem Volk vergeben hatte, stieg Moses noch einmal hinauf, erhielt neue Tafeln und kam mit ihnen ein zweites Mal herab. Dieser Abstieg war stiller. Kein Kalb. Kein Zorn.

Welchen der beiden malt Rembrandt? Kunsthistoriker streiten seit Jahrhunderten. Die einen sagen: den ersten — die Tafeln erhoben, um zerschlagen zu werden. Die anderen: den zweiten — die Tafeln erhoben, um gelesen zu werden. Das Gesicht ist je nach Lesart entweder das Gesicht eines Mannes, der im Begriff ist zu zerbrechen, was er hält, oder das eines Mannes, der sein erstes Werk hat zerschlagen sehen und mit denselben Worten wieder herabgekommen ist.

Was der Vers benennt

2. Mose 32,19

"Als er aber nahe zum Lager kam und das Kalb und den Reigen sah, entbrannte Moses Zorn, und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie am Fuß des Berges."

Moses Zorn entbrannte. Das hebräische Verb ist waychar — dieselbe Wurzel wie charon, „Glut". Es ist ein Sprachbild des Feuers. Doch Rembrandt weigert sich, das Feuer zu malen. Er malt stattdessen die Stille in einem Gesicht, das eben gesehen hat, was das Volk tut, und das noch nicht entschieden hat, was mit den Steinen geschehen soll.

Das ist die Wahl des Malers. Den Vers auf dem Atem vor dem Zerbrechen zu halten. Den Ausgang offen zu lassen, weil für einen Mann, der auf dem Berg gewesen ist, die Entscheidung zwischen Zerbrechen und Zeigen nicht offenkundig ist. Die Tafeln sind das Werk seiner Hände und die Buchstaben Gottes. Sie zu werfen, heißt beides zurückzuweisen.

Die vierzig Sekunden

Schreiben Sie den Vers von Hand ab — nur den Teilsatz: er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie am Fuß des Berges. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit spüren Sie, was das Bild nicht auflöst. Dass Zorn nicht immer triumphiert. Dass der Mann, der das Gesetz trägt, es manchmal gerne ablegen möchte. Dass Rembrandt uns zutraute, beide Möglichkeiten zu halten, ohne zu wählen.

Die Tafeln sind in der Luft. Das Gesicht ist ruhig. Die Buchstaben sind noch lesbar.
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