Im Museum von Capodimonte in Neapel hängt Die Parabel von den Blinden von Pieter Bruegel dem Älteren, gemalt 1568, im Jahr vor seinem Tod. Sechs Männer gehen über einen flachen Hang, jeder mit einem Stab, jeder mit dem vor ihm durch eine Schulter, einen Gürtel, eine ausgestreckte Hand verbunden. Der erste Mann rechts ist schon gestürzt. Sein Körper schwebt in der Luft, das Gesicht zu einem Wassergraben hin. Der zweite folgt ihm über die Kante. Der dritte hat etwas gespürt und lehnt sich zurück — zu spät. Der vierte, fünfte und sechste glauben noch, auf festem Boden zu gehen.
Sechs Männer in einer Reihe
Bruegel hat die Kette mit ungewöhnlicher medizinischer Genauigkeit gemalt. Jeder Mann hat eine andere Augenkrankheit. Katarakt. Verkümmerte Augäpfel. Ausgestochene Augen. Das sind keine sinnbildlichen, sondern klinische Blindheiten. Bruegel zeichnete nach lebenden Modellen — ungewöhnlich für dieses Thema.
Der Vers, der gemalt wurde
Das Wort Christi im Matthäus-Evangelium ist kurz und scharf:
"Lasst sie; sie sind blinde Blindenleiter. Wenn aber ein Blinder den andern leitet, so fallen sie beide in die Grube."
Wenn ein Blinder den andern leitet. Jesus spricht von den Pharisäern, die sich beschwerten, seine Jünger hielten eine bestimmte rituelle Reinigung nicht. Er antwortet seinen eigenen Jüngern, sie sollten ihnen keine Aufmerksamkeit schenken. Nicht weil die Pharisäer unbedeutend wären, sondern weil sie Führer sind, die nicht sehen. Die Metapher ist sorgfältig. Es geht nicht darum, dass Blinde nicht gehen sollten. Es geht darum, dass Blinde nicht führen sollten.
Bruegel malt dies als körperliche Kette. Jeder Mann vertraut dem vor ihm. Keiner von ihnen hat eine Möglichkeit zu wissen, dass der vor ihm nicht sehen kann. Die Tragödie liegt nicht in der Blindheit — sie liegt im Nachfolgen.
Die Kirche im Mittelgrund
Hinter der fallenden Reihe malte Bruegel ein flämisches Dorf. Eine Kirche steht still auf dem Hang, der Turm ragt über die Bäume. Gelehrte streiten seit Jahrhunderten, ob das Ironie ist — eine Kirche, die teilnahmslos zusieht, wie ihre Gläubigen in den Graben laufen — oder ob die Kirche als Alternative dargeboten wird, ein Ort, zu dem die Kette sich hätte hinwenden können.
Bruegel löst das nicht auf. Die Kirche ist einfach da, in der Landschaft, etwa zum selben Augenblick wie der Sturz. Was der Betrachter aus ihrer Gegenwart macht, war immer die Sache des Betrachters.
Die vierzig Sekunden
Schreiben Sie den Vers von Hand ab — nur den Teilsatz: wenn ein Blinder den andern leitet, so fallen sie beide in die Grube. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit spüren Sie, was das Bild weiß. Dass Irrtum nicht die Tragödie ist; sondern Glied in der falschen Kette zu sein. Dass die Frage an jeden Führer nicht ist, ob er sich sicher ist, sondern ob er sehen kann.
Der erste Mann ist in der Luft. Der dritte lehnt sich zurück. Der sechste vertraut noch dem Gürtel in seiner Hand.