Artikel · In der Kunst

Der Finger schwebt. Das Licht fällt quer. Jemand wird gerufen — und niemand weiß, wer.

Ein Zöllner am Tisch. Ein Finger aus dem Schatten. Der Zwei-Verben-Satz des Evangeliums, gemalt als aufgehobene Sekunde.

Matthew 9:9

In der Contarelli-Kapelle von San Luigi dei Francesi in Rom malte Caravaggio einen Zöllner, der zum Apostel berufen wird. Christus tritt am rechten Rand ein, Petrus an seiner Seite. Sein rechter Arm hebt sich langsam, der Zeigefinger ausgestreckt — nicht mit scharfer Zielrichtung, sondern schwebend über einem Tisch, an dem fünf Männer Münzen zählen.

Der Finger

Einer der Männer hebt den Kopf. Er deutet auf seine eigene Brust, fragend: ich? Ein anderer, jung, über die Münzen gebeugt, hebt den Kopf gar nicht. Zwei weitere blicken Christus an, sagen aber nichts. Die ganze Szene hängt in einer aufgehobenen Sekunde. Caravaggio malte nicht den Ruf. Er malte die Unsicherheit, die der Antwort vorausgeht.

Das Licht, das mit der Frage kommt

Ein einzelner Strahl fällt von oben rechts in den Raum, gerade über Christi Hand. Er erhellt die Gesichter der Zöllner und lässt Christus selbst im Schatten. Das Licht kündet nicht den Rufer an. Es kündet die Gerufenen an. Es fällt auf Gesichter, die noch nicht entschieden haben, ob sie gemeint sind.

Das ist die entscheidende Umkehr des Bildes. In älteren biblischen Darstellungen strahlt das Licht von Christus nach außen. Hier fällt es quer — als Seitenlicht, wie ein Morgenstrahl durch eine hohe Tür — auf eine Gruppe von Männern, die zufällig im Raum waren. Als ob der Augenblick des Gerufenwerdens nicht mit einer Stimme oder einem Erkennen begönne, sondern damit, dass ein Raum plötzlich heller wird und jemand sich fragt, ob er gemeint ist.

Der Vers, der nicht zögert

Matthäus 9,9

"Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach."

Der Text ist brutal kurz. Zwei Verben für Christus: sah, sprach. Zwei Verben für Matthäus: stand auf, folgte. Vier Verben. Kein Innenleben. Keine Psychologie. Der Evangelist wusste entweder nicht, was in Matthäus vorging, oder hielt es für unwesentlich. Caravaggio wusste, was das Evangelium nicht beschreiben wollte. Er malte die Sekunde zwischen sah und stand auf — die Sekunde, die für die meisten von uns ein ganzes Leben dauert.

Die vierzig Sekunden

Schreiben Sie den Vers von Hand ab. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit spüren Sie, was das Bild weiß: dass die meisten Rufe ungehört vorbeigehen, weil das Licht mit einer Frage kommt, nicht mit einer Antwort, und weil der ausgestreckte Finger immer in mehr als eine Richtung zeigt.

Der Finger ist noch nicht gesenkt. Die Münzen liegen noch auf dem Tisch.
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