Artikel · Im Film

Zwei Männer zitieren denselben Vers. Nur einer von ihnen geht wirklich ins Licht hinaus.

Andy und Direktor Norton zitieren beide die Schrift. Nur Andy nimmt den Vers ernst genug, um aus dem Dunkel hinauszugehen. Lesen Sie Johannes 8,12 neben dem Gefängnis.

John 8:12

Die Verurteilten (Frank Darabont, 1994) beginnt mit einem ungerechten Urteil und endet damit, dass ein Mann durch ein Abwasserrohr ins Gewitter und hinaus aufs offene Meer geht. Zwischen diesen beiden Punkten liegen eine Freundschaft, ein langer Betrug und eine Bibel.

Zwei Männer mit demselben Buch

Der Direktor, Samuel Norton, hält eine Bibel auf seinem Schreibtisch. Er ruft Andy Dufresne in sein Büro und hebt einen gerahmten Stickrahmen hoch: His judgment cometh, and that right soon. Es ist eine der meistzitierten Zeilen des Films. Sie steht nicht in der Bibel. Nortons Frau hat sie gestickt; die Worte haben einen biblischen Klang, aber keine biblische Quelle. Der Film weist nicht darauf hin. Er erwartet, dass der Betrachter es schließlich bemerkt.

Andy, der neue Gefangene, hört zu. Dann zitiert der Direktor einen echten Vers:

Johannes 8,12

"Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben."

Ich bin das Licht der Welt. Der Direktor benutzt den Vers als ein Stück Selbstinszenierung. Andy antwortet leise: I do. Er bezieht sich auf das Nachfolgen des Lichts. In diesem Augenblick beanspruchen beide Männer dieselbe Schrift.

Worin der Hammer verborgen war

Zwanzig Jahre vergehen. Andy, der das Bestechungsgeld des Direktors gewaschen hat, schleicht sich eines Nachts aus seiner Zelle und kehrt nie zurück. Am nächsten Morgen betritt Norton die leere Zelle, findet die Bibel, die Andy auf dem Tisch liegen ließ, und schlägt sie auf. Ein hammerförmiger Hohlraum ist durch die Seiten geschnitten. Die erste Seite, die der Schnitt freigibt, ist die Titelseite eines Buches.

Exodus.

Der Film erzählt das nicht. Die Kamera verharrt eine Sekunde auf dem Wort. Das Übrige bleibt dem Betrachter überlassen. Von allen Büchern der Bibel wählte Andy Exodus zum Aushöhlen — das Buch eines Volkes, das aus der Knechtschaft herausgeht.

Der Hammer, der die Gefängniswand durchbrach, lag in dem Kapitel verborgen, das beginnt: Zu der Zeit, als Mose erwachsen war, ging er hinaus zu seinen Brüdern und sah ihre Lasten. Das Werkzeug der Befreiung wurde in der Geschichte der Befreiung aufbewahrt.

Der Vers, den der Direktor nicht lesen konnte

Johannes 8,12

"Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben."

Als Norton die ausgehöhlte Bibel findet, versteht er zu spät, dass er den Vers gegen die einzige Person im Raum zitiert hatte, die ihn wirklich ernst nahm. Andy ging nicht in der Finsternis. Er ging durch ein fünfhundert Meter langes Abwasserrohr — das vom Drehbuchautor gewählte Bild — und tauchte im Regen mit erhobenen Armen auf. Er kam aus der Finsternis ins Licht, genau wie der Vers es versprach.

Der Direktor hingegen nahm seine Pistole und wählte das Dunkel.

Was zwei Zitate nicht verbergen können

Das stille Argument des Films lautet: Die Schrift kann nicht bloß gehalten werden. Man muss in ihr wohnen. Beide Männer im Büro hatten den Vers zur Hand. Nur einer ließ es zu, dass der Vers ihn etwas kostet. Das ist der Unterschied zwischen einer gerahmten Devise und einem Glauben, der seine eigenen Seiten aushöhlt.

Die Stickerei des Direktors — His judgment cometh, and that right soon — erweist sich am Ende doch als wahr, nur nicht in der Weise, die er vorhergesehen hatte. Das Gericht, das ihn einholt, kommt nicht von außen. Es ist die schlichte Tatsache, dass Andy frei war und er nicht.

Die vierzig Sekunden

Schreiben Sie den Vers von Hand ab — nur die Verheißung: Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit spüren Sie, was der Film weiß. Dass ein Vers an sich nicht schützt. Dass die Menschen, die eine lange Finsternis überleben, nicht die sind, die das Licht zitieren, sondern die ihm nachfolgen — auch durch ein Rohr, auch mit einem Hammer, auch wenn niemand zusieht.

Die Bibel liegt auf dem Schreibtisch. Die Hammerform fehlt im Exodus. Der Mann, der ihn zitiert hat, hält noch die gerahmte Devise, die nie im Buch stand.
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