Artikel · In der Kunst

Judas küsst. Ein Soldat greift. Am Bildrand hält der Maler die Laterne — und schaut nicht weg.

Judas küsst. Die Soldaten verhaften. Und der Maler selbst, am rechten Rand, hält die Laterne, die uns sehen lässt. Ein Selbstporträt des Zeugen, der nicht wegschaut.

Mark 14:44-46

In der Dunkelheit der Irischen Nationalgalerie in Dublin ist Caravaggios Gefangennahme Christi zum größten Teil Nacht. Ein Kreis von Leibern drückt sich gegen die Mitte. Judas, bärtig und nah, hat seinen Kuss bereits gegeben — sein rechter Arm umschlingt Jesu Hals, das Gesicht ist an ihn gepresst. Jesus steht steif, die Hände vor sich gefaltet, die Augen gesenkt. Ein Soldat in schwarzer Rüstung packt ihn an der Schulter. Am linken Rand flieht Johannes, der Mund offen in einem lautlosen Schrei.

Die Laterne im Hintergrund

Am rechten Bildrand, mit erhobener Laterne und zwischen den Leibern hineinspähend, steht Caravaggio selbst. Er hat sich als denjenigen gemalt, der das Licht liefert, bei dem der Verrat gesehen werden kann. Ein Selbstporträt des Malers als Zeuge — und als jemand, der nicht wegschaut.

Der Kuss, der ein Zeichen war

Das Markusevangelium ist genau darüber, wie der Verrat vollzogen wurde. Judas hatte ein Zeichen vorher abgesprochen.

Markus 14,44-46

"Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist's; den ergreift und führt ihn sicher ab. Und als er kam, trat er sogleich zu ihm und sprach: Rabbi!, und küsste ihn. Die aber legten die Hände an ihn und ergriffen ihn."

Welchen ich küssen werde, der ist's. Der Kuss war nötig, weil die Soldaten Jesus im Dunkeln nicht erkennen konnten. Die judäische Nacht war unbeleuchtet. Judas musste ihn bezeichnen — nicht durch Namen, sondern durch Zuneigung. Die tiefste Wunde der Szene ist nicht die Hand, die ergreift, sondern die Umarmung, die identifiziert.

Caravaggio wusste das und malte es genau. Das Zeichen vollzieht sich noch. Jesus ist noch nicht abgeführt. Der Kuss ist eben gegeben, die Hand eben auf die Schulter gelegt. Alles ist in Bewegung, und nichts lässt sich rückgängig machen.

Der Maler, der die Lampe hielt

Das Licht des Bildes kommt weder vom Mond noch von den Fackeln der Soldaten dahinter. Es kommt von der Laterne, die die Figur am rechten Rand hält — der Maler. Das ist ungewöhnlich. In den meisten Gethsemani-Darstellungen der Renaissance strahlt das Licht vom Christus aus oder fällt vom Himmel. Hier ist das Licht eine Lampe, gehalten von einer Hand, und diese Hand gehört Caravaggio.

Eine Lesart: Der Maler sagt, dass er derjenige sei, der diesen Moment für den Betrachter ausleuchtet. Eine andere: Der Maler, der einen Verrat beleuchtet, ist mitschuldig am Sehen. Er hat uns genug Licht gegeben, um die Umarmung zu sehen, die den Tod bedeutet. Er hat uns vor dem Zeichen nicht geschützt.

Die vierzig Sekunden

Schreiben Sie den Vers von Hand ab — nur das Zeichen: Welchen ich küssen werde, der ist's. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit spüren Sie, was das Bild weiß. Dass Verrat die Gestalt der Zuneigung annehmen kann. Dass manche Zeichen den Händen, die sie gebrauchen, nicht gehören. Dass ein Maler, leise, am Rand einer Szene, mit einer Laterne.

Der Kuss ist gegeben. Die Laterne ist noch gehoben. Die, die sehen sollten, haben gesehen.
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