Die Pietà ist aus einem einzigen Block Carrara-Marmor gemeißelt. Christus — ein Mann von dreiunddreißig Jahren — liegt quer über den Knien einer Frau, die jünger wirkt als er. Michelangelo war selbst dreiundzwanzig, als er das Werk vollendete. Als die Kritiker auf die Absurdität des Alters hinwiesen, antwortete er erst Jahre später: reine Frauen behalten ihr Gesicht länger. Niemand gab sich damit zufrieden.
Das unmögliche Alter
Man kann seine Entscheidung anders lesen. Maria wirkt nicht jung, weil sie schön ist. Sie wirkt jung, weil die Trauer die Zeit zusammengefaltet hat. In dem Augenblick, da sie den Leib hält, ist sie wieder das Mädchen, das ihn zum ersten Mal hielt, in Windeln gewickelt. Die Skulptur trägt zwei Augenblicke zugleich. Säugling und Leichnam. Anfang und Ende. Keiner wiegt mehr.
Was der Marmor verweigert
Sehen Sie genau hin: Maria weint nicht. Ihre linke Hand öffnet sich nach oben, als reiche sie etwas dar oder ließe es los. Ihre rechte Hand hält die Schulter des Sohnes, nicht fest. Die Falten ihres Mantels sind gewaltig — Michelangelo machte ihren Körper größer, als er sein müsste, damit der Mann auf ihren Knien nicht zu schwer erscheint. Der Marmor ist schwer; die Skulptur wirkt nicht so.
Das ist gewollte Zurückhaltung. Die Barockbildhauer fünfzig Jahre später hätten ihr einen verzerrten Mund, einen geneigten Kopf, einen sichtbaren Schrei gegeben. Michelangelo gab ihr Stille. Der Betrachter muss die Trauer mitbringen. Man umrundet das Werk — im Petersdom seit 1972 hinter Panzerglas — und ihre Gelassenheit wird unerträglich. Das Gefühl gehört Ihnen, nicht dem Stein.
Der Prophet, der es schon gesehen hatte
Jahrhunderte zuvor schrieb der hebräische Prophet Jesaja von einem Knecht, der Schmerzen trüge, die nicht die seinen waren:
"Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt."
Bemerkenswert sind die Pronomen. Unsre Krankheit. Unsre Schmerzen. Unsre Missetat. Der Knecht ist keine Gestalt, die man betrachtet. Er trägt, was dem Leser gehört. Als Christen später diese Zeilen auf das Kreuz bezogen, änderten sie die Grammatik nicht — sie nahmen sie an. Der Knecht trägt, und das Gewicht ist unseres.
Das macht die Pietà sichtbar. Maria hält ihren Sohn, aber sie hält auch alles, was er trug. Ihre Reglosigkeit ist kein Mangel an Gefühl. Es ist das Gewicht, das sich setzt. Unter einem solchen Gewicht schreit man nicht; man hält.
Die vierzig Sekunden
Schreiben Sie den Vers von Hand ab — nur die fünfte Zeile: Er ist um unsrer Missetat willen verwundet. Etwa vierzig Sekunden. In dieser kurzen Spanne spüren Sie, was die Skulptur schon weiß: dass manche Schmerzen im Schweigen gehalten werden, weil sie zu schwer sind, um genannt zu werden, und dass jemand sie länger trägt, als wir ahnen.
Der Marmor weint nicht, weil der Prophet schon gesprochen hat.