Artikel · In der Kunst

Der tote Leib schwebt. Die Platte zu Ihren Füßen ist Grab und Altar zugleich.

Vier Menschen tragen einen Leib. Der Stein am Bildrand war zugleich ein Altar. Lesen Sie Johannes 19,40-42 neben dem Bild, das sich zur Liturgie neigt.

John 19:40-42

Caravaggios Grablegung Christi, 1604 für die Chiesa Nuova in Rom vollendet (heute in den Vatikanischen Museen), ist aus der Sicht jemandes gemalt, der weiter unten steht. Der tote Leib Christi wird gerade in das Grab gesenkt. Zwei Männer tragen ihn — Nikodemus an den Beinen, nah bei uns, und der Apostel Johannes, der die Schultern von hinten hält. Der rechte Arm Christi fällt senkrecht, die Hand streift die Steinplatte am unteren Bildrand.

Das Gewicht, das nach unten bricht

Die ganze Komposition senkt sich. Oben erheben sich die Köpfe der trauernden Frauen — Maria Magdalena zurückgebeugt, die Jungfrau Maria nach vorne gelehnt, Maria von Klopas mit erhobenen Händen in lautlosem Klagegeschrei. Die Schwerkraft zieht alles zur Platte zu unseren Füßen.

Die Platte, die zum Altar wurde

Diese Platte ist das Geheimnis des Bildes. An seinem ursprünglichen Ort in der Chiesa Nuova hing die Leinwand über dem Altar einer Seitenkapelle. Ein Gläubiger, der zur Messe vor dem Altar stand, sah den gemalten Stein am unteren Bildrand mit dem realen Altarstein zusammenfallen. Nikodemus' Fuß schwebt direkt darüber. Christi Hand ist im Begriff, ihn zu berühren. Das Bild bittet den Altar, für einen Augenblick der Grabstein zu werden.

Das ist die Tradition, die Caravaggio geerbt, aber selten angenommen hat. Er malte die Schrift, als geschähe sie in seinem Jahrhundert, unter seinen Nachbarn. Hier hat er die Szene zur Liturgie hin gebogen. Der tote Leib auf dem Altar. Die Hände, die noch tragen.

Was der Vers benennt

Johannes 19,40-42

"Da nahmen sie den Leichnam Jesu und banden ihn in leinene Tücher mit den wohlriechenden Salben, wie die Juden zu begraben pflegen. Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten, und im Garten ein neues Grab, in das niemand je gelegt war. Dahin legten sie Jesus um der Juden Rüsttag willen, weil das Grab nahe war."

Leinene Tücher mit den wohlriechenden Salben. Die Bestattung geschieht hastig — es war der Rüsttag, die Sonne ging unter, der Sabbat nahte. Kein vollständiges Waschen, kein langes Ritual. Spezereien, Leinen und das nächstgelegene Grab. Das Evangelium ist sachlich und klein. Es nennt das Tuch und den Garten.

Caravaggio malt, was der Vers nicht erzählt: das Tragen zwischen Kreuz und Grab. Vier Personen, ein Leib. Der Moment zwischen Tod und Ruhe — den der Text überspringt und den das Bild festhält.

Die vierzig Sekunden

Schreiben Sie den Vers von Hand ab — nur den Anfang: Da nahmen sie den Leichnam Jesu und banden ihn in leinene Tücher. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit spüren Sie, was das Bild schon weiß. Dass der Leib im Getragenwerden am schwersten wiegt. Dass Leinen und Salben Akte der Sorge sind, nicht der Zeremonie. Dass der Stein zu Ihren Füßen ein Grab ist und, mit einer kleinen Kopfdrehung, ein Altar.

Vier Hände tragen. Eine Hand fällt. Die Platte wartet.
Weiterlesen